„Sorgen sind meist von der Nesseln Art,
sie brennen, rührst du sie zu zart;
Fasse sie nur an herzhaft,
So ist der Griff nicht schmerzhaft.“
Emanuel Geibel
Worüber machen Sie sich regelmäßig Sorgen? Diese Frage betrifft die Qualität von Sorgen, nämlich, deren Inhalt – Dieser kann je nach zeitgeschichtlichem Kontext und Kultur stark variieren (s. z.B. Sorgen der Deutschen 2020-heute). Aber auch ein Zu-viel oder Zu-wenig an Sorgen, also die Quantität des Sich-Sorgen-Machens, kann ein Thema sein…
Die Frage nach dem rechten Maß
Nicht wenige Menschen scheinen sich des Öfteren zu fragen: Mache ich mir eigentlich zu viele Sorgen? Wenn man sich die Frage so stellt, würde ich sagen, vermutlich ja. Die Art der Formulierung deutet nämlich bereits auf ein mit der Thematik zusammenhängendes Belastungserleben (Stress) hin: Es findet offenbar kognitive Tätigkeit statt, die einerseits in einer bestimmten, eher negativen Weise emotional eingefärbt ist, während sie zugleich eine gefühlte Überpräsenz aufweist.
Nun haben dauerhafte seelische Belastungen es häufig an sich, dass wir sie mit Leistungsfähigkeit bezahlen. Sie blockieren uns und verbrauchen Energien, mit denen wir sonst etwas bewegen könnten. So ist es wahrscheinlich, dass ein ausgeprägtes Sich-Sorgen-machen Lebensprobleme größer werden lässt. Es beraubt uns der Kräfte, die wir benötigen, um Dinge umzusetzen, die gut für uns wären.
Wofür ist das Sich-Sorgen-Machen eigentlich gut?
Evolutionspsychologisch betrachtet kann es gar nicht anders sein, als, dass auch Grübeln und sorgenvoll zu sein irgendeinen tieferen Sinn hat bzw. einem bestimmten Zweck dient. Die „positive Intention“ dessen, was wir als Sorgen-Machen bezeichnen, könnte etwa sein, dass es sich für unser Gehirn über abertausende von Generationen hinweg als funktional erwiesen hat, Gefahren vorherzusehen und sie so vermeiden zu können. In diesem Kontext macht es auch Sinn, dass unser Verstand sich mehr mit möglichen Risiken beschäftigt anstatt die Chancen zu sehen: Ein Individuum, das eine potentielle Futterquelle übersieht, hatte in der Menschheitsgeschichte eher noch die Möglichkeit, seine Gene weiterzugeben, als eines, das einen Fressfeind oder eine andere existenzielle Gefahr übersehen hätte. Insofern erfüllen sogenannte Sorgen zuvorderst eine Schutzfunktion. Diese kann lediglich dadurch ins Ungesunde kippen, dass die Sorgen nicht über sich hinausführen, sondern „Was-wäre-wenn“-Gruselfilme in endloser Dauerschleife produzieren…
Die Frage nach dem Inhalt
Neben der Quantität der Sorgen, also dem Ausmaß, ist die Qualität, also der konkrete Inhalt von Sorgen, durchaus relevant. Hier lässt sich grob unterscheiden zwischen der Makro- und der Mikroebene. Makrothemen, über die sich Menschen Sorgen machen, können größere lokale, nationale, globale oder gar universelle Themen betreffen. Mikrothemen wären solche, die unmittelbar uns selbst, die Familie, das nähere Umfeld betreffen. Die Qualität kann mitunter entscheidend dafür sein, inwieweit eine Sorge produktiv sein kann: Mache ich mir etwa Sorgen über die eigene Gesundheit, habe ich einen gewissen Handlungsspielraum, während eine Sorge darüber, ob die Erde von einem großes Kometen getroffen werden könnte, lediglich geeignet ist, Ohnmachtserleben zu erzeugen.
Sich Sorgen machen vs. Sorge tragen
Um dies besser zu verstehen, kann man sich die Begrifflichkeit der „Sorge“ einmal näher betrachten: Wird sie in förderlich-zielgerichtetem Sinne verstanden, ist sie stets eine „Für-Sorge“, ein „Für-etwas-Sorge-TRAGEN“, also eine Akivität. Hier ist die geistige Bezogenheit auf einen Gegenstand in der Welt unmittelbar mit einem Tun verknüpft: An-etwas-Denken und In-Bezug-auf-etwas-Handeln bilden ein sinnvolles Ganzes. Anders verhält es sich mit dem, was wir „Sorgen-MACHEN“ nennen: Die Gedanken bleiben für sich, finden keine Destination im Außen und münden als dennoch vorhandene Energieflüsse an Stelle der Tat in etwas Anderes, nämlich Emotion, namentlich Angst.
Und schon befinden wir uns im Teufelskreis: Das Sorgenmachen erzeugt kraftraubende, lähmende Ängste, die Lebensschwierigkeiten begünstigen und wiederum mehr Sorgen befördern. Das hat damit zu tun, dass, während wir uns sinnlos Sorgen MACHEN, das in anderen Hinsichten möglicherweise nachhaltige Sorge-TRAGEN schnell zu kurz kommt. Diese Dynamik kann sich bis in eine handfeste Depression hinein ausweiten.
Wege aus dem Sorgen-Strudel
Was kann aber helfen, dem Sog der Sorgen zu entrinnen und nicht in ihrem Strudel zu ertrinken? Der Theologe, Philosoph und Politikwissenschaftler Reinhold Niebuhr wünschte sich in dieser Hinsicht „die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“.
Mit Blick auf unsere Sorgen würde das bedeuten: Wenn du an dir beobachtest, dass du sorgenvolle Gedanken hast, frage dich stets: Kann ich hier etwas tun? Wenn ja, tu es, und deine „gemachte“ Sorge wird sich in der Fürsorge auflösen. Wenn nein: Wozu darüber nachdenken? Pumpe den Energiefluss, der sich in eine faule Abwärtsspirale kanalisieren will, doch lieber dorthin, wo er dir selbst und Anderen stattdessen Frische, Leben und Wachstum spenden kann.

