„Die Genitalien sind der Resonanzboden des Gehirns“
Arthur Schopenhauer
In meiner Praxis nehme ich zunehmend wahr, dass das Thema Sexualität für viele, vor allem auch jüngere Menschen, in irgendeiner Form mit leidvollem Erleben und starker Verunsicherung gekoppelt ist. Leistungsdruck und wahrgenommene „Normen“, die über Werbung, Filme und Serien, Social Media oder Pornografie transportiert werden, lassen die Grenzen zwischen genuinen eigenen Bedürfnissen und (angenommener) Fremderwartung verschwimmen. Folgen davon können beispielsweise Lustlosigkeit, Impotenz und ein gemindertes Selbstwertgefühl sein. Gute Gründe, sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen, wie wir als Gesellschaft, aber auch als Einzelne oder in der Paarbeziehung mit dem Thema umgehen wollen…
Sexualität ist systemisch – Wechselwirkungsprozesse
Wie kulturell-kollektiv mit Sexualität umgegangen wird, prägt die Art und Weise des Umgangs der Einzelnen mit dem Thema. Die Prägung der Einzelnen wiederum wirkt sich auf Perspektiven und Erfahrungen von Intimität in Paarbeziehungen, Peer-Groups oder Familien aus. Alles das hat umgekehrt auch wieder einen Effekt auf die gesamte Gesellschaft, sodass sich letztlich alle Ebenen gegenseitig beeinflussen. Insofern braucht es in allen diesen Bereichen eine möglichst salutogenetische Herangehensweise, damit sexuelle Störungen vermieden werden können. Mit zunehmender Kommerzialisierung von Sexualität im Rahmen von Spätkapitalismus und Massenmedien haben globale „Sex-sells“-Prinzipien inzwischen Ausmaße angenommen, welche eine natürliche Intimität oft stark beeinträchtigen.
Gesellschaftliche Superstruktur
Als Superstruktur bezeichnet man den „Überbau“ in Form von etwa politischen, juristischen, religiösen oder medialen Rahmenbedingungen, unter welchen ein bestimmtes Thema steht. Über die Jahre und Jahrhunderte unterlagen insbesondere auch westliche Gesellschaften starken Wandlungsprozessen hinsichtlich der Frage, welche Rolle der Sexualität in verschiedenen Kontexten und Milieus zukommt. Heutzutage haben sich auch hierdurch vielfältige Spannungsfelder aufgetan, welche zwischen Menschen, aber auch innerhalb Einzelner in schier unüberbrückbare Widersprüche münden können: Einerseits soll Sexualität „frei“ gelebt werden können, andererseits begegnen uns überall Erzählungen und Darstellungen dessen, wie sie womöglich aussehen „soll“. Auf der einen Seite wird „Consent“ bei sexueller Aktivität als elementar für die Wahrung der Menschenwürde erachtet, auf der anderen Seite wird Prostitution zunehmend (teil-)legalisiert, während oft fraglich ist, welche Bedeutung der sog. freie Wille in diesen Zusammenhängen hat bzw. haben kann. Die Einen finden, dass in Schulen noch nicht genügend Aufklärung und Prävention stattfindet, Andere wollen das Thema Sexualität dem privaten Umfeld vorbehalten wissen und betrachten es als ungewollte suggestive Einflussnahme, wenn es im größeren Rahmen besprochen wird.
Individuelle Probleme mit Sexualität
Sexualität beginnt bei Weitem nicht erst da, wo es um sexuelle Aktivität geht. Auch Themen wie z.B. Körperbild oder Selbstwert können zentral sein, denn, wer sich generell unattraktiv oder sozial unsicher fühlt, hat es beim Aufbau von Beziehungen sowie beim Ausleben von Sexualität meist schwer. Hier greift ein Phänomen, das sich als problematisch erweist und dank Insta und Co. zunehmend pandemische Züge annimmt: Das förmlich zwanghafte Sich-Vergleichen mit Anderen – Und zwar nicht nur mit anderen, die „natürlich“ „schön“ sind, sondern immer mehr auch mit solchen, die via „Looks-Maxing“ (von Make-up bis Schönheitsoperation) sowie mit Retuschieren oder entsprechenden Filtern in der Bildproduktion vollkommen unrealistische sog. Schönheitsideale produzieren. Hierdurch wird für die große Mehrheit der Menschen die Lust am eigenen Körper und somit die Grundlage jeder gesunden Sexualität von vornherein zerstört oder zumindest beeinträchtigt. Diese Entwicklung betrifft längst nicht mehr nur das weibliche Geschlecht, sondern ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen geworden. Von Sozialphobie über Depression und Essstörung bis hin zu Impotenz oder Frigidität können hier Folgesyndrome entstehen, die den einzelnen Menschen in seiner Lebensqualität einschränken und Gesundheits- und Sozialsysteme belasten. Antidepressiva oder Potenzmittel wie Viagra sind hinsichtlich dieser Entwicklungen nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sondern viel mehr ein stabilisierender Faktor: Der tiefere Sinn der Selbstwertthematik wird wegmedikamentiert und so auch die möglichen wichtigen Schlüsse, die sich daraus für Individuum und Gesellschaft hätten ableiten lassen. Und das Verschreiben und Einnehmen eines potenzsteigernden Mittels suggeriert, dass es bei Sexualität um körperliche Funktionalität und Leistungsfähigkeit ginge anstatt etwa darum, sich auf authentische Art zu verbinden und hinzugeben. Insofern sollten solche Mittel, sofern sie überhaupt zum Einsatz kommen (müssen) stets lediglich als das betrachtet werden, was sie in aller Regel auch sind: Als Symptombehandlung und -linderung, nicht aber Problemlösung oder Heilung – Hierfür braucht es eine Herangehensweise an die zugrundeliegenden Themen, wie es z.B. im Rahmen einer Psychotherapie geschieht.
Sexualität in der Paarbeziehung
Selbstverständlich übertragen sich alle Themen, die auf der individuellen Ebene vorhanden sind, auch auf das nächstgrößere Setting: Die Paarbeziehung. Allerdings sind Themen in Partnerschaften natürlich nicht auf die Summe der Teile begrenzt, sondern es ergeben sich schnell (positive oder negative) Synergieeffekte oder es kommen weitere systemdynamische Herausforderungen hinzu. Diese können sehr vielfältig sein und es bedarf im Einzelfall einer maßgeschneiderten Herangehensweise z.B. im Rahmen einer Paarberatung oder Paartherapie, um Problemen auf den Grund gehen und passende Lösungsansätze entwickeln zu können. Zugleich gibt es in meiner Arbeit mit Paaren paardynamische Strukturen, die sich regelmäßig wiederholen. Eine davon wäre eine Situation, in der eine Partei weniger Interesse an körperlicher Intimität hat oder entwickelt. Das ist im Grunde regelmäßig der Fall, denn es ist selten, dass zwei Personen exakt dieselbe Bedürfnisstruktur aufweisen. Zumeist tritt dies zum Ende der Verliebtheitsphase zutage, was bereits nach wenigen Monaten oder bis zu drei Jahren der Fall ist. Viele Personen in monogamen Partnerschaften reagieren hierauf, indem sie auf verschiedene Arten versuchen, an dem Thema zu „arbeiten“: Über gutes Zureden, Ausdruck von Frustration, Organisieren von Date-nights o.Ä. versucht die Partei, die sich aus ihrer Sicht nicht genügend mit physischer Intimität versorgt sieht, ihre Situation zu verbessern. Und da das Bedürfnis nach Intimität von der inneren Logik her ähnlich aufgebaut ist wie z.B. Schlaf – Man kann es nur geschehen lassen, aber, wenn man versucht, es zu erzwingen, rückt es in immer weitere Ferne – ergibt sich hieraus schnell ein Teufelskreis: Je mehr eine Seite versucht, die andere dazu zu bekommen, dass sie Lust entwickeln möge, desto angespannter wird die Lage und dehnt sich weiter aus. Wo zu Beginn vielleicht nur gelegentlich Lust auf Lustlosigkeit traf, wird dies mit empfundenen Druck häufiger. Außerdem geraten zuvor unbelastete Schauplätze, sobald sie mit Erwartungserwartungen verknüpft wurden, ebenfalls in Kollektivhaft: Wo ein unverhofftes Geschenk oder eine Einladung zum Abendessen einst Freude ausgelöst haben, stehen sie nun im Verdacht, in erster Linie einem bestimmten Zweck zu dienen. Wenn gemeinsames Zu-Bett-Gehen mit Erwartungsdruck einhergeht, finden sich Gründe, weshalb eine andere Uhrzeit eben immer besser passt oder zusammen schlafen allgemein nicht so gut geht..
Wege aus der Krise
Paartherapeutinnen und Paartherapeuten neigen dazu, mit sehr unterschiedliche Ansätze und Methoden zu arbeiten, je nach Therapierichtung, absolvierten Fortbildungen und persönlichem Stil. In der Paartherapie gilt noch mehr als in Einzeltherapien: One Size DOES NOT fit all! Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist äußerst wichtig, dass beide Personen in einer Partnerschaft gleichermaßen das Gefühl haben, von der Beratungsperson gesehen und akzeptiert zu werden und, dass diese unparteiisch berät. Hierfür ist der systemische Ansatz sehr gut geeignet, da wir uns eher mit Strukturen von Problemen befassen und inhaltsneutral beraten. Bei entsprechender Passung kann im Anschluss an eine eingehende Problemanalyse damit begonnen werden, Hypothesen und Lösungsideen zu entwickeln. Diese sollten dann über einige Wochen hinweg erprobt werden, sodass zum nächsten Termin Erfahrungswerte mitgebracht werden, auf denen wiederum mit neuen Ideen und Tools aufgebaut werden kann.
Einige Gedankenanstöße bietet z.B. diese 3sat-Dokumentation:
