Wie in vielen anderen Bereichen nimmt die offen gelebte Diversität auch im Hinblick auf Gender über die vergangenen Jahre hinweg zu. Mädchen erklären, dass sie sich als Jungen identifizieren, Jungs als Mädchen, Männer als Frauen und umgekehrt. Manche haben das Gefühl irgendwie beides zu sein oder keins von beidem. Wieso, weshalb, warum – Darüber lässt sich nur spekulieren. Was sich deutlich zeigt ist allerdings, dass Transidente sich im Alltag mit vielfältigen Schwierigkeiten konfrontiert sehen…

Was heißt „Transgender“ überhaupt?

Transgender bezeichnet alle Menschen, die sich mit ihrem bei der Geburt aufgrund körperlicher Merkmale zugeschriebenen Geschlecht psychologisch nicht identifizieren. Transgender ist demnach nicht notwendigerweise gleichzusetzen mit Transsexualität, welche zusätzlich mit dem Wunsch bzw. der Aktivität gekoppelt ist, das biologische Geschlecht an das psychologische anzugleichen, was bei Weitem nicht für alle Transidenten gilt.
Der Begriff Gender bezieht sich auf das Geschlecht als soziale Kategorie, ist also eng verknüpft mit gesellschaftlichen Normen und Rollenbildern. Dem gegenüber steht das biologische Geschlecht (engl. sex), das mit dem Zugehörigkeitsgefühl zur Bevölkerungsgruppe der Männer oder Frauen übereinstimmen kann – oder eben nicht.

Ab welchem Alter lässt sich erkennen, ob eine Person transgender ist? Kann man auch als Erwachsener noch trans werden?

Es kommt vor, dass auch kleine Kinder sich schon anders verhalten als man es mit Blick auf ihr biologisches Geschlecht erwarten würde. Sie fallen sozusagen aus der Rolle. Wenn z.B. Mädchen lieber Hosen tragen als Kleider, lieber mit Autos spielen als mit Puppen und sich in sozialen Situationen mit Gleichaltrigen lieber zu den Jungen gesellen als zu den Mädchen, könnte man von außen her hiervon ableiten, dass sie sich der Gruppe der Jungen offenbar stärker zugehörig fühlen. Ob ein Kind nun transgender „ist“ oder nicht, ist allerdings Definitionssache. Damit zusammen hängt natürlich die Frage, wer die Definitionshoheit besitzt bzw. beansprucht. Dass sich ein Junge eher als Mädchen fühlt oder umgekehrt, kann ein Eindruck sein, der etwa in der Beobachtung durch Eltern oder KindergärtnerInnen entsteht. Dann steht zur Entscheidung, wie die Erwachsenen dem Kind gegenüber und untereinander mit diesem Eindruck verfahren. Spricht man das Kind darauf an oder nicht? Macht man das Ganze zum Thema oder lässt es umkommentiert?
Eine andere Situation liegt vor, wenn Kinder bereits von sich aus äußern und auch über längere Zeit dabei bleiben, dass sie sich als dem anderen Geschlecht zugehörig betrachten oder lieber ein anderes Geschlecht hätten. In solchen Fällen kann man Kinder wohl am ehesten als transgender bezeichnen. Häufig treten Transgender-Dynamiken vermehrt und deutlicher auf den Plan, wenn die Pubertät einsetzt. Die eindeutige Zuordnung zu einer sozialen Geschlechterkategorie gewinnt hier zunehmend an Bedeutung und ist mit der sexuellen Orientierung und Entwicklung, aber auch mit Erwartungshaltungen der Umwelt verknüpft.
Menschen, die sich erst im Erwachsenenalter der Kategorie Transgender zuordnen, beschreiben in aller Regel, es rückblickend im Grunde immer schon gewesen zu sein. In der Biografie herrschte den Berichten zufolge dann oft ein Gefühl von Anderssein oder Nicht-richtig-sein vor, ohne aber wirklich greifen zu können, was es ist oder woher es kommt. Andere erkennen bei sich früh Widersprüche in der Geschlechteridentifikation, trauen sich jedoch aus Furcht vor Ablehnung erst spät, dies auch nach außen hin sichtbar werden zu lassen. Je nachdem, wie Menschen geprägt sind, kann es auch sein, dass sie sich selbst für ihr Erleben, ihre Gedanken und Bedürfnisse verurteilen und sich deshalb sogar vor sich selbst verleugnen und verstellen. Hierin liegt aus meiner Sicht eine große Gefahr für die Entwicklung ernstzunehmender psychischer Störungen, insbesondere Psychosen. Dass die Thematik sich von Grund auf erst im Erwachsenenalter entwickelt habe, habe ich bislang noch von niemandem gehört. Möglich, dass das auch daran liegt, dass wir die Vergangenheit stets nur im Licht der Gegenwart beleuchten und betrachten können. Auch unsere Lebensgeschichten sind Geschichten, die wir uns selbst und anderen erzählen, während wir durch die Brille schauen, die wir heute tragen. Anders ist es nicht möglich.

Woher kommt Transgender? Ist es „heilbar“?

Es gibt wissenschaftliche Studien, die darauf hindeuten, dass die Hirnphysiologie von Trans-Persönlichkeiten sich von derjenigen von Cis-Persönlichkeiten, also Männern und Frauen, die sich mit ihrem biologisch angeborenen Geschlecht identifizieren, unterscheidet. Demnach sind
etwa typisch männliche neurologische Merkmale bei Trans-Männern (also biologischen Frauen, die sich als Männer fühlen) stärker ausgeprägt als die weiblichen. Daraus zu schließen, dass Transgender angeboren bzw. genetisch veranlagt ist, wäre allerdings falsch, berücksichtigt man die Tatsache, dass das menschliche Gehirn von Beginn an und bis ins hohe Alter plastisch ist und sich mit den Erfahrungen, die ein Mensch in seinem Leben macht, wandelt. So konnte z.B. nachgewiesen werden, dass Psychotherapie, also im Prinzip Selbstreflexion gekoppelt mit sozialer Interaktion, Hirnstrukturen verändern kann. Wie wir über uns selbst (nach)denken und wie wir behandelt werden, beeinflusst also, wie unser Gehirn aufbaut ist und sich auch immer wieder neu konstituiert. Gleichzeitig haben natürlich die Hirnstrukturen umgekehrt einen Einfluss darauf, wie und was wir denken. Das ist nicht gesondert voneinander zu betrachten.
Wieder andere Forscher haben Hinweise darauf gefunden, dass Transidente eine geringere Aktivität in Hirnregionen aufweisen, die als mit Selbst- und Körperwahrnehmung assoziiert identifiziert wurden. Dies könnte man dahingehend interpretieren, dass Transgender sich selbst, auch ihren Körper, weniger spüren, in gewisser Weise weniger eng mit sich in Kontakt sind. Dahingestellt sei, ob diese Beobachtung eher als Ursache oder als Folge der abweichenden Geschlechtsidentität angenommen werden kann.
Was mir in der Zusammenarbeit mit Trans-Personen häufig begegnet, sind Geschichten von emotionalem und sexuellem Missbrauch, körperliche Misshandlung oder andere Formen von Traumatisierung. Aus meiner Sicht ist es nicht undenkbar, dass diese Erfahrungen (mit) ein Grund dafür sein könnten, dass Menschen auch bereits als Kinder beginnen, sich selbst grundsätzlich abzulehnen und anfangen zu glauben, sie müssten ganz anders sein, um etwa Sicherheit, Wertschätzung und Liebe erfahren zu können. Auch von Eltern, die eigentlich lieber ein Kind anderen Geschlechts haben wollten, wird immer wieder berichtet. Hierbei handelt es sich allerdings um Erfahrungswerte aus Einzelfällen, um Hypothesen und Vermutungen, aus denen sich keine gesicherten Erkenntnisse gewinnen lassen.
Am Ende ist die Frage, wie eine Transgender-Persönlichkeit entsteht, genauso wenig eindeutig beantwortbar wie die nach der Entstehung anderer Persönlichkeiten. Zumal die geschlechtliche Identität ja lediglich einen von vielen Teilbereichen einer Persönlichkeit ausmacht. Zu viele Faktoren kommen hier in Betracht, die Zusammenhänge sind höchst komplex und die Anzahl der Teilnehmer an wissenschaftlichen Studien ist bislang stets zu klein, um repräsentative Ergebnisse liefern zu können.
Nicht weniger kompliziert ist die Frage nach der Heilbarkeit. Per definitionem können ja nur Dinge als heilbar bezeichnet werden, wenn sie auch als Krankheit bzw. als Störung gelten. Dies ist nach dem aktuell gültigen Klassifikationssystem für psychische Störungen, dem ICD-10, hinsichtlich Transidentität der Fall. Man findet Transgender unter dem Code F64 „Störungen der Geschlechtsidentität“, separat für Erwachsene und Kinder. Allerdings hat die WHO für die in 2022 in Kraft tretende überarbeitete Version ICD-11 bereits angekündigt, Transidentität nicht mehr psychische Störung klassifizieren zu wollen. (Hierin findet sich ein gutes Beispiel dafür, wie willkürlich die Definition bestimmter Zustände, Persönlichkeitsstrukturen oder Eigenschaften als „krank“ oder „gesund“ im Grunde ist.) Da die überwiegende Zahl der Transgender es als beleidigend und stigmatisierend erleben, wenn man sie aufgrund ihres So-Seins als gestört bezeichnet, ist das wohl ein Schritt in die richtige Richtung. Ein möglicher Nachteil könnte sein, dass Leistungen wie z.B. Psychotherapien zumindest über diese diagnostische Kategorie in Zukunft nicht mehr durch die gesetzlichen Krankenkassen erstattungsfähig sein werden. Da ich persönlich ohnehin nach Möglichkeit gar nicht mit Diagnosen arbeite, besitzt die offizielle Definition als gesund oder krank für mich wenig Bedeutung. Die Definitionshoheit liegt aus meiner Sicht beim Klienten/Patienten: Leidet jemand unter einem bestimmten Aspekt seiner Persönlichkeit und möchte hieran etwas verändern, kann man gemeinsam versuchen, hinsichtlich der Thematik im gewünschten Sinne zu agieren. Die Alternative wäre, dass man lernt, auch diesen Aspekt der Persönlichkeit zu akzeptieren und zu integrieren. Wenn Letzteres bereits die Voraussetzung ist, mit der transidente Personen therapeutische oder beraterische Hilfe suchen, während sie Probleme, die es zu beheben gilt, eher in anderen Bereichen verorten, macht es für mich keinen Sinn, an einer „Heilung“ der Transidentität arbeiten zu wollen. Grundsätzliche (Selbst-)Akzeptanz ist in meinen Augen gleichermaßen die Basis wie das Ziel jeder sinnvollen therapeutischen und beraterischen Arbeit. Und Selbstwirksamkeitserleben ist einer der wichtigsten Faktoren für eine gelingende Therapie wie auch für ein positives Lebensgefühl. Die Therapieziele können daher nur durch die Person festgelegt werden, die in Therapie kommt. Was Heilung bedeutet, entscheidet der Patient, der Therapeut begleitet und lenkt, soweit möglich, den Prozess.

Was sind spezifische Probleme von Transpersonen?

Das kann man aufgrund der interindividuellen Unterschiede schlecht verallgemeinern. Was für eine Person schwierig ist, mag für eine andere unproblematisch sein. Dennoch lassen sich Tendenzen beobachten. Es scheint, als ob Vieles von dem, was Transidenten Probleme bereitet, zuvorderst mehr
mit dem Umfeld zu tun hat als mit ihnen selbst. Einen vergleichsweise schwereren Stand haben beispielsweise diejenigen, die sich in restriktiven, wenig liberalen Umwelten bewegen. Ein Umfeld, das stark traditionell, religiös oder auf andere Art weltanschaulich starr geprägt ist, macht es Transgender-Persönlichkeiten besonders schwer, sich in ihrer Andersartigkeit zu zeigen, sodass sie ihr gefühltes Ich aus Frucht vor Repressalien stets im Verborgenen halten und sich nur Wenigen oder niemandem anvertrauen. Soziale Isolation und innere Einsamkeit lassen viele Betroffene in solchen Situationen zunehmend verzweifeln.
Bei einer Transidentität, die offen gezeigt wird, sind vor allem unter Kindern und Jugendlichen Ausgrenzung und Mobbing häufig ein Thema. Die möglichen Konsequenzen von Mobbing, das ggf. über Jahre andauert, sind in ihrer Schwere kaum zu überschätzen. Angststörungen, Sucht und Depressionen bis hin zur Suizidalität können folgen.
Auch versehentliche oder aktiv betriebene Grenzüberschreitungen durch z.T. Wildfremde machen Transpersonen oft zu schaffen. So fühlen sich Menschen Patientenberichten zufolge nicht selten berufen und berechtigt, eine Transperson danach zu fragen, was sich in ihrem Genitalbereich befindet und mit wem oder welche Art von Geschlechtsverkehr sie bevorzugt. Andere, „harmlosere“ Arten des Zu-nahe-Tretens, die jedoch nicht minder schmerzlich für die betroffene Person sein können, sind etwa bohrende Fragen, weil der Name nicht zum Aussehen passt oder das Angesprochenwerden darauf, dass anscheinend die falsche öffentliche Toilette genutzt wird.
Transidente, die transsexuell sind, also ihr körperliches Geschlecht an ihr psychologisches angleichen möchten, müssen (in Deutschland) außerdem viele bürokratische Hürden nehmen, um das zu erreichen. Der Weg, der von der offiziellen Namensänderung über Hormon- und (verpflichtende) Psychotherapie, machmal bis hin zur operativen Geschlechtsumwandlung führt, fühlt sich für viele, die ihn gehen wollen, endlos lang und quälend an.
Zuletzt sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt, dass es inzwischen einige dokumentierte Fälle von Menschen gibt, die z.B. ihre Geschlechtsumwandlung im Nachhinein bereuen. Sie sehen ihr Bedürfnis das Geschlecht zu wechseln samt dem Gefühl, eigentlich dem anderen Geschlecht anzugehören, in der Retrospektive als einen Zustand geistiger Verwirrung und ordnen ihr Hadern mit der geschlechtlichen Identität rückblickend anderen, psychischen Problemen zu. Diese Fälle zeigen, dass es Sinn machen kann, sich vor einem solchen Schritt tatsächlich ernsthaft und ggf. mit kompetenter professioneller Unterstützung mit der Frage auseinanderzusetzen, ob man ihn gehen möchte. Jedoch kann das logisch gesehen nicht als Beleg dafür angeführt werden, dass das Bedürfnis nach Geschlechtsanpassung oder das Gefühl, dem anderen Geschlecht anzugehören, in jedem Fall auf einen Zustand geistiger Verwirrung zurückgeht. Jemand, der beispielsweise eine sog. bipolare Störung hat, kann sich in einer manischen Phase auch völlig sinnlos ein Pferd kaufen, nur um nach abklingen der Manie festzustellen, dass er es weder bezahlen noch reiten kann – Das heißt aber nicht, dass jeder, der sich ein Pferd kauft, sich in einem Zustand geistiger Umnachtung befinden muss…

Mein Kind ist transgender. Was soll ich tun?

Tritt die Thematik bereits im Kindes- oder frühen Jugendalter auf, ist die Situation besonders herausfordernd, gerade auch für Eltern. Entscheiden zu müssen, ob etwa noch vor Beginn der Pubertät mit der Gabe von Hormonen begonnen werden soll, weil ein zehnjähriger biologischer
Junge erklärt, er würde es nicht ertragen, in den Stimmbruch zu kommen, ist für die meisten Eltern eine schwere Bürde. Egal, wie man es macht – Es kann nie eine Garantie dafür geben, dass die getroffene Entscheidung diejenige sein wird, mit der alle längerfristig zufrieden und glücklich sind. Zumal die männlichen und weiblichen Hormone, die erst ab der Pubertät vermehrt ausgeschüttet werden, ja auch im Gehirn eine Wirkung entfalten und das Bild der eigenen Identität mit prägen.
Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus kann ich berichten, dass mein sehr früh entwickeltes Bedürfnis ein Junge sein zu wollen nach einigen Jahren wieder verschwand und ich heute absolut zufrieden damit bin, eine Frau zu sein. Auch wenn ich natürlich nicht immer nur zufrieden mit mir und meinem Leben bin. Aber wer ist das schon? Wäre ich ein Junge und später ein Mann geworden, vielleicht wäre ich heute insgesamt glücklicher? Wer weiß das schon. In meinem Fall glaube ich nicht daran. Hätte ich als Kind allerdings erfahren, dass es tatsächlich möglich ist, das Geschlecht zu wechseln, hätte ich mich mit hoher Wahrscheinlichkeit darauf eingeschossen. Also verdanke ich die Tatsache, dass ich heute eine Frau bin, gewissermaßen einem Zufall, einem Mangel an Information..?
Wie dem auch sei – Eine günstige, das heißt für mich: psychologisch minimal-invasive Haltung von Eltern und anderen Personen im Umfeld scheint mir zu sein, das Kind in seinen Ideen weder ermutigen noch ausbremsen zu wollen und mit inhaltlichen Informationen eher sparsam umzugehen. Der Gedanke dabei ist, dass das Kind sein eigenes Ich so ungestört wie irgend möglich entwickeln und entfalten kann und dabei nicht durch äußere Einflüsse oder gefühlte Erwartungshaltungen abgelenkt wird. Hat das Kind von sich her ein Bedürfnis, über seine Selbstwahrnehmung und Gefühle zu sprechen, kann man wohl am besten mit dem gleichen Interesse wie sonst auch zuhören und wohlwollend ernst nehmen ohne zu beurteilen oder sogleich Handlungs- und Entscheidungsbedarf abzuleiten. Sehr entlastend wirkt auf viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene auch der Gedanke bzw. die „Erlaubnis“, sich nicht oder nicht sofort entscheiden zu müssen, welchem Geschlecht sie sich nun zugehörig fühlen. „Es ist ok, nicht in irgendeine Schublade zu passen“, kann eine hilfreiche Botschaft sein, die man gerade Kindern mit auf den Weg geben kann, um Druck und Stress zu reduzieren und natürlichen Entwicklungsprozessen Raum zu geben.
Das Aufsuchen eines sachkundigen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten würde ich in jedem Fall empfehlen, allein schon um potenziell verstörende soziale Situationen und daraus evtl. resultierende Selbstwertproblematiken aufzufangen. Auch als Eltern kann es sinnvoll sein, sich beraten zu lassen oder gemeinsam mit dem Kind familientherapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Ist das Alter gekommen, wo es darum geht, langfristige Entscheidungen zu treffen, hat man über diese Wege vielleicht erreicht, dass man dem Kind mit gutem Gewissen die Entscheidung über sein Leben übertragen kann.

Wie sollten wir als Gesellschaft mit dem Thema umgehen?

Jede soziale Gemeinschaft, ob groß oder klein, braucht Normen, Werte und Regeln, die Sicherheit und Orientierung bieten. Die vielleicht wichtigste Regel, die geeignet ist, um gute Beziehungen, Gesundheit und positive Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb von Gemeinschaften
zu ermöglichen, würde ich darin sehen, dass alle Personen, was ihren Lebensstil und ihre persönlichen Bedürfnisse angeht, in ihrer Autonomie und Eigenverantwortung belassen und vor allem auch in ihrer Andersartigkeit mit Respekt behandelt werden. Nur wer sich in einer Gemeinschaft gut aufgehoben und angenommen fühlt, kann seine individuellen Potenziale entfalten und sie zum Vorteil aller in die Gemeinschaft einbringen. Gefühle von Ausgegrenztheit und Abgelehnt-Sein machen es schwer, die eigenen Fähigkeiten zu entfalten und reduzieren die Bereitschaft, sie den Anderen zugute kommen zu lassen. Für jemanden, der sich einer als feindlich erlebten Umwelt gegenüber sieht, ist es nur logisch bzw. überlebensnotwendig, sich mehr mit Selbstschutz und Dagegenhalten zu beschäftigen, als damit, sich und sein Umfeld zu pflegen und zu befördern. Insofern tut eine Gesellschaft und auch jede kleinere Gemeinschaft m. E. stets gut daran, ihren Mitgliedern elementare Gefühle von Akzeptanz und Zugehörigkeit zu vermitteln. WIE das im Einzelnen genau aussehen soll, kann und muss inhaltlich ggf. diskutiert werden. Nur, der Grundsatz sollte klar sein. Andere mit Würde und Mitgefühl zu behandeln ist das Fundament von allem, worauf ein gutes soziales Miteinander aufbaut. Diese Argumentationsweise ist eine logisch-pragmatische und kommt ohne moralische Axiome aus, die jeder für sich als „wahr“ setzen kann, oder auch nicht – Wie etwa, dass jeder Mensch ein Recht und einen Anspruch darauf hat, so, wie er ist, vollumfänglich angenommen zu werden, solange er anderen keinen Schaden zufügt.
Dazu, andere Menschen während einer Interaktion in ihrer Würde zu belassen, gehört als Minimalanforderung auch, die Grenzen des Gegenübers nicht zu verletzen. Die Art des Umgangs, von dem Transpersonen z.T. berichten, erinnert nicht selten an Reaktionen von Jahrmarktsbesuchern des Mittelalters, die einen ausgestellten Menschen mit zwei Köpfen sehen und aus Neugier und Nervenkitzel das „Monstrum“ genauer inspizieren, anfassen oder mit Stöcken piksen wollen, auch um zu sehen, wie „es“ reagiert, ob es auch menschliche Züge hat und „normale“ Reaktionen zeigt. Das Problem dabei ist: Wie könnte ein gesunder Mensch mit einem normalen menschlichen Empfinden unter abnormen und erniedrigenden Bedingungen sozialverträgliche Reaktionen zeigen? So wird die Betrachtungsweise als „monströs“ schnell zur selbsterfüllenden Prophezeiung: Wut, Ablehnung, Kommunikations- und Kooperationsunwilligkeit scheinen mir gesunde Reaktionen zu sein, wenn Fremde oder flüchtig Bekannte etwa nach Geschlechtsteilen, Sexualpräferenzen und Ähnlichem fragen oder dazu Kommentare abgeben. Ein gutes Miteinander kann nur unter der Voraussetzung stattfinden, dass man eine Distanz wahrt, die der Tiefe der Beziehung und den zu vermutenden Schamgrenzen des Gegenübers Rechnung trägt.

Wie kann man als direkt oder indirekt betroffene Person Unterstützung finden und was gilt es dabei zu beachten?

Bislang gibt es nicht übermäßig viele Organisationen und Personen, die sich auf das Thema spezialisiert haben. Dem Gegenüber stehen schnell wachsende Zahlen an Hilfesuchenden.
Als erste Anlaufstellen eigenen sich beispielsweise Vereine wie Trans-Ident oder DGTI. Zudem gibt es inzwischen einige Ambulanzen von Universitätskliniken, die gesonderte Sprechstunden für Personen mit Transgender-Thematik eingerichtet haben, sowie auch immer mehr Psychotherapeuten, Psychiater und gerichtliche Gutachter, die sich in diesem Bereich spezialisieren. Entscheidend für die Auswahl der Stelle, bei der man Unterstützung sucht, ist, dass man dort abgeholt wird, wo man steht. Personen, die eine Transidentität bereits leben und dabei auch in Zukunft bleiben möchten, werden sich sehr wahrscheinlich von Stellen, die Transidentität als Störung betrachten und behandeln, nicht gut beraten fühlen. Informationen zur Haltung einer Institution lassen sich häufig aus der Online-Präsenz herauslesen oder im Zweifelsfall erfragen. Dass Anlaufstellen notwendigerweise spezialisiert sein müssen, um gute (psychologische) Beratung auch für Transidente anbieten zu können, würde ich nicht so sehen. Entscheidend ist in erster Linie, dass zu Beginn der Behandlung oder Beratung eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut werden kann, die den weiteren Prozess trägt. Als hilfesuchender Patient oder Klient sollte man sich als Mensch gesehen und angenommen fühlen. Ist das nicht der Fall – Lieber nochmal woanders hingehen.
Hinsichtlich der Erstellung von Gutachten und Psychotherapie würde ich empfehlen, diese beiden voneinander getrennt zu halten. Ein Psychotherapeut, der später etwas Bestimmtes bestätigen soll, kann nicht unvoreingenommen behandeln. Umgekehrt macht es als Patient wenig Sinn, in der Therapie ggf. Informationen zurückzuhalten, weil man glaubt fürchten zu müssen, der Therapeut könnte das im Hinblick auf ein bestätigendes Gutachten negativ auslegen.
Wer völlig kostenneutral und anonym Hilfe in Anspruch nehmen möchte, für den sind Sorgentelefone bzw. Telefonseelsorge (heutzutage z.T. auch via Chat oder Email erreichbar) sicher eine gute nidrigschwellige Möglichkeit, um überhaupt erstmal über das Thema ins Gespräch zu kommen. Ein weiterer Vorteil dieser Option ist eine Erreichbarkeit rund um Uhr, sodass auch akute Krisen zu nachtschlafender Zeit bei Bedarf aufgefangen werden können.

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